ROJO

Eine argentinische Kleinstadt 1975, am Vorabend des Militärputsches. Die Gesellschaft ist tief gespalten, die Patrioten mobilisieren sich. Auch bei dem angesehenen Anwalt Claudio (Darío Grandinetti – Hable con ella, Relatos salvajes) liegen die Nerven blank. Ein Wortgefecht eskaliert und löst eine Kette fataler Überschreitungen aus. Wie in einem Western verlieren sich die Delikte im Schweigen der Wüste vor der Stadt.

Nur drei Monate später wird der Mann des Gesetzes zum Gejagten, nämlich dann, als Stardetektiv Sinclair (grandioser Alfredo Castro) aus Santiago de Chile seine Ermittlungen aufnimmt – ein frommer Pedant, der keine Grauzonen duldet. Parallel dazu gleitet auch die junge Generation in eine polarisierte Welt. ROJO, ausgezeichnet in San Sebastián für beste Regie und besten Hauptdarsteller, ist ein Politthriller und gleichzeitig eine filigrane Gesellschaftsstudie die zeigt, dass der Militärputsch nicht vom Himmel fiel. Die argentinischen Koordinaten von Zivilisation und Barbarei werden neu verhandelt, der Nebenbuhler wird zum Gesinnungsfeind. In kleinen Gesten der Niedertracht zeigt die Zivilisation ihre hässlichste Fratze.

Der Regisseur Benjamín Naishtat (geb. 1986) legt einen subtilen Neo-Noir vor, der in einer Periode Argentiniens spielt, an der sich vor allem junge Nachgeborene abarbeiten. Und es scheint eine notwendige Obsession zu sein, das Trauma der Militärdiktatur (1976-1983) in immer wieder anderen Konstellationen nachzuvollziehen, denn die unzähligen Desaparecidos, Opfer der gewaltsamen Entführungen, tauchen nicht wieder auf und werfen auch weiterhin ihre blutroten Schatten auf die argentinische Gegenwart. Gegen das Vergessen bleibt das Erzählen, denn – wie es im Untertitel des Films heißt – wenn alle schweigen, ist niemand schuld.

+++ VERSCHOBEN +++

INFO:
ARG/BRA/FR/NL/D 2018, 109 MIN., OMDU
REGIE: Benjamín Naishtat